Grundlage

Dharma im Westen - Buddhismus heute

Die Essenz von Buddhas Lehre

 

Wenn wir die verschiedenen Traditionen des Buddhismus betrachten, können wir den Einfluss von Kultur und ursprünglichen Religionen der asiatischen Regionen erkennen, aus denen sie stammen. Dadurch erscheinen sie in so unterschiedlicher Ausprägung. Wenn wir tiefer schauen, erkennen wir, dass der Buddhadharma in seinen grundlegenden Lehren überall durchscheint. Und wenn wir praktizieren, finden wir den Kern von dem, was der Weg ist. Das bedeutet für uns, in den Lehren, die aus Asien überliefert sind, die Essenz des Buddhadharma erkennen zu können, ihn von kultureller Verpackung zu befreien und so zu vermitteln und umzusetzen, dass er in unsere Kultur und Lebensweise integriebar ist und gelebt werden kann. Historisch gesehen ist der Schritt des Dharma in den Westen die vierte Andrehung des Rades. Die ersten Drei beziehen sich auf die Ausbreitung in die verschiedenen asiatischen Regionen. Hier bei uns kommen nun alle diese Entwicklungen zusammen - und wir haben auch die vollständige Überlieferung der Lehrreden des Buddha. Darin liegt unsere große Chance, zur Quelle zurück zu gehen und gleichzeitig Inhalte und Methoden aus späteren Traditionen als wertvoll und hilfreich zu schätzen, wenn sie unsere Praxis unterstützen.   

Unsere Aufgabe sollte also diese drei Schritte umfassen:

1. Schritt: Die Grundlage

Den Buddhadharma in seiner Essenz erkennen und bewahren, ihn authentisch praktizieren und weitergeben.  

2. Schritt:  ---> Verständnis

3. Schritt:  ---> die Praxis

 

Worauf kommt es wirklich an?

Von Ani Karma Tsultrim

Der Buddha hat viele verschiedene Lehrreden gehalten, jeweils abgestimmt auf die Zuhörer bzw. auf seine Schüler und Nachfolger. Insgesamt aber lässt sich ein klarer Weg in seinem Aufbau erkennen, eine spirituelle Geistesschulung, die in die Tiefe von Gemütsruhe und Einsicht bis hin zur Befreiung aus dem Leidenskreislauf Samsara führt. Wenn wir die verschiedenen Traditionen betrachten, die sich im Laufe der Jahrhunderte nach dem Parinirvana des Buddha entwickelt haben, so sollten wir sie als Methoden, als unterschiedliche Lehransätze erkennen, die verschiedenen Menschen mit unterschiedlichen Lebensbedingungen auf entsprechend angemessene Weise den Zugang zum Dharma öffnen können. Wichtig ist, dass immer wieder in späteren traditionellen Schriften und auch bei heutigen Autoren auftauchende Absolutheits-Ansprüche, dies oder das sei der richtige, beste oder schnellste Weg, aufgehoben werden, und wir uns davon nicht blenden lassen. Oft sind diese Autoren sehr erfahrene Dharmalehrer, die aus ihrer eigenen Praxis-Erfahrung heraus schreiben und lehren. Das zeigt aber bereits, dass es diesen Absolutheits-Anspruch garnicht wirklich geben kann, da er mehrfach auftritt. Wie es im Zen heißt: Der Finger, der auf den Mond zeigt ist nicht der Mond. Ausführungen und Kommentare können ein verlängerter oder auch ein verkürzter Arm für den Finger sein. Die Lehren, Darlegungen und Praxismethoden sollen den Übenden anleiten, ihn auf dem Weg stützen. Wenn sie auf den Mond zeigen, sind sie hilfreich, dann können wir sie nutzen. Um im Mond anzukommen, um den letzten Schritt zu tun und Mond zu "sein", müssen wir sie letztendlich loslassen. Wie weit der einzelne Praktizierende diese Lehren und Methoden in sich selbst so umsetzt, dass er dadurch innere Freiheit, Erwachen oder Buddhaschaft verwirklicht, liegt an ihm. Der Buddha hat gesagt: "Ich zeige nur den Weg, gehen müsst ihr ihn selber."

Wenn wir uns die Lehrreden wirklich anschauen und sie für unsere Praxis anwenden, kann jeder von uns den Weg gehen - jeder auf seine Weise. Denn der Weg beginnt genau da, wo der Einzelne steht - jeden Tag von Neuem. Und wir werden sie immer tiefer verstehen und immer subtiler praktizieren - jeden Tag von Neuem... Der Buddha hat erkannt, dass es einen Vertrauens-Erlösten gibt, der durch seine Hingabe an den Dharma und durch Samatha, also Gemütsruhe-Praxis zur Einsicht Vipassana und zur Verwirklichung gelangen kann, und dass es einen Weisheits-Erlösten gibt, der durch Kontemplation und Vipassana, also durch tiefe Einsicht sich der Samatha-Praxis zuwendet und zur Verwirklichung gelangt. Wir können nicht sagen, der eine Weg ist besser als der andere. Es ist immer ein individueller Prozess, eine spirituelle Entwicklung, die von der persönlichen Motivation und dem Einsatz in der Übung abhängt und auf den Bedingungen aufbaut, die karmisch vorgegeben sind. Letztendlich muss immer tiefe Einsicht mit meditativer Praxis verbunden sein, damit der Weg zur Verwirklichung und Befreiung führt und nicht im Anhaften an meditative Erfahrungen einerseits und in geistigen Konzepten andererseits stecken bleibt. - Beide Wege treffen sich also auf fortgeschrittener Stufe in der Einheit von Samatha und Vipassana, Gemütsruhe und Einsicht. Und dann folgt die Jhana/Dhyana-Praxis, die Vertiefung, die in Verbindung mit subtilster Einsicht in die wahre Natur alles Entstandenen und dem großen Loslassen zu letztendlichem inneren Frieden, zum Gestilltsein, zum Erlöschen von Karma und Geistesgiften, zur Befreiung aus Samsara und dem Existenz-Kreislauf, zum Nibbana /Nirvana führt.

Es gibt Diskussionen darüber, ob die Jhanas notwendig sind. Dazu sei angemerkt, dass der Buddha sie als letztes Glied des 8-fachen Pfades gelehrt hat, und dass es die Praxis war, durch die er selbst das große Erwachen verwirklichen konnte, nachdem er unter verschiedenen Meistern Methoden praktiziert und verwirklicht hatte, die damals in Indien als Wege zur Erleuchtung bekannt waren. Von all diesen Methoden hat er gesagt: Sie sind nicht falsch, sie führen alle in die richtige Richtung. Aber es fehlt noch etwas, das kann nicht das Letzte sein, es muss noch einen weiteren Schritt geben... - Wir sollten uns das vergegenwärtigen und bei allem, was wir von asiatischen Meistern übernehmen und praktizieren, stets den Weg vor Augen haben, den der Buddha selbst gegangen ist. Und aus dieser Sicht sollten wir alle Methoden betrachten, die in den späteren Traditionen dazu gekommen sind und die uns auf dem Weg ein Stück voranbringen können - - -

Es gibt auch sehr unterschiedliche Meinungen darüber - in einzelnen Traditionen bis hin zu Kontroversen - ob es ein langsames Fortschreiten oder eine plötzliche Einsicht und Verwirklichung gibt. - Für uns sollte gelten: Wir brauchen einen Weg in Stufen, der aber auch spontane Einsichten und Erkenntnisse zulässt. Und wir brauchen einen direkten Weg für diejenigen, die sehr tief im Dharma verwurzelt sind. Gemütsruhe und Einsicht - Samatha und Vipassana - gehen dabei immer Hand in Hand, spielen letztendlich zusammen, denn ohne tiefe geistige Ruhe, vereint mit rechter Sicht bzw. Erkenntnis, ist Verwirklichung nicht möglich - ebenso wie Mitgefühl und Weisheit eine Einheit bilden, wenn Verwirklichung erreicht wird. Beides kann gleichzeitig geübt werden. Wer aber in der Übung zu der einen oder anderen Vorgehensweise neigt und den entsprechenden Schwerpunkt setzt, kann eben damit beginnen und diesem Weg folgen. Denn durch geistige Stabilität kann spontan Einsicht kommen und durch rechte Erkenntnis lässt der Geist los und findet zu innerem Frieden.

Mögen diese kurzen Ausführungen dazu beitragen, Widersprüche in den Traditionen aufzuheben, sowie Voreingenommenheit, Absolutheits-Ansprüche bzw. Kontroversen aufzulösen. Wir müssen das erkennen, was wirklich wichtig ist: Die Essenz von Buddhas Lehre.

 

Bibliothek 

Palikanon, die Lehrreden des Buddha: Mittlere Sammlung - Majjhima Nikaya, Längere Sammlung - Digha Nikaya, Gruppierte Sammlung - Samyutta Nikaya, Angereihte Sammlung - Anguttara Nikaya, Udana, Itivuttaka, Sutta Nipata, Puggala Panyati, Sammlungen in Versen  

Walpola Rahula: What the Buddha Taught (deutsche Ausgabe: "Was der Buddha lehrte" ist vergriffen)

Bhikkhu Bodhi: In den Worten des Buddha

Analayo: Der direkte Weg - Satipatthana

Analayo: Vom Verlangen zur Befreiung

Gunaratana Henepola: Von der Achtsamkeit zur Sammlung: Eine Einführung in die tieferen Stadien der Meditaion

Mahasi Sayadaw: Über die Natur von Nibbana - Nirwana klar dargelegt und erläutert (anhand der Lehrreden des Buddha)

Ajahn Passano & Ajahn Amaro: An Antology of the Buddha's Teachings on Nibbana

Sue Hamilton: Early Buddhism, A New Approach - The I of the Beholder