Die Bedeutung des Frühbuddhismus

Die Bedeutung des Frühbuddhismus für die Integration des Buddhadharma im Westen und für das Dharma-Tor

Von Bodhimitta ---

 

Einführung

Frühbuddhismus? Wir wollen darunter nicht nur die ursprünglichen Belehrungen des Erhabenen verstehen, sondern das ganze damalige indische Phänomen in Form der Drei Juwelen: Lehrer, Lehre, Nachfolger. Welche Bedeutung hat diese altwürdige Form  des Buddhismus für uns im Westen? Dazu ein paar Gedanken.

Das Phänomen

Der Buddha fand "den unentdeckten Weg", er setzte "das Rad der Lehre in Bewegung" und hatte damit Nachfolger. Das kommt im Mühlrad der Weltzeitalter selten vor. "Das Auge der Weisheit" ist kein Normalzustand. Das Rad der Lehre hat vier Wahrheiten und acht Speichen. Seine Spur ist einzigartig. Viele andere Wahrheiten passen in diese Spur, doch nur ein vollkommen Erwachter kann Anicca, Dukkha, Anatta (Vergänglichkeit, Leidhaftigkeit, Nicht-das-Selbst) oder den Paticcasamuppada (die 12 Glieder des Abhängigen Entstehens) verkünden. Die Nachfolger des Erhabenen nehmen ihre Zuflucht zu den Drei Juwelen und arbeiten an der Verwirklichung der vier Stufen der Heiligkeit. Diese acht Paare bildeten und bilden das höchste Feld der Verdienste. Ein Arahat geht ins Nirvana ein. Das ist, schnell skizziert, die Lehre des frühen Buddhismus.

„Nicht gibt es, Priester, auch nur einen Mönch ganz und gar überall mit all den Eigenschaften begabt, mit welchen der Erhabene begabt war, der Heilige, vollkommen Erwachte. Denn Er, Priester, der Erhabene, ist des unentdeckten Weges Entdecker, des unerschaffenen Weges Erschaffer, des unerklärten Weges Erklärer, der Wegeswisser, der Wegeskenner, der Wegeskundige: auf dem Weg aber folgen sie jetzt nach, die Jünger, später nachgekommen.“ (Aus der Mittleren Sammlung: 11. Teil. Buch der Götterlache, S. 100. Digitale Bibliothek Band 86: Die Reden des Buddha, S. 1714; vgl. Die Reden des Buddha, Übersetzung von Karl Eugen Neumann, Mittlere Sammlung S. 824)

Die Lücke

Nachdem der vollkommene Lehrer am Ende seines Lebens ins Parinirvana eingegangen ist, die vollkommene Zuhörerschaft zu großen Teilen das Gleiche tat und dadurch entscheidend dezimiert wurde, der Buddhismus ab dem 10. Jahrhundert ganz aus Indien verschwand und seine Pilgerreise durch Berge und Täler fremder Köpfe und Sprachen antreten musste, entstand und entsteht hier eine gewisse nicht zu übersehende Lücke für die Nachfolger. Kein vollkommen Erwachter mehr da! Stattdessen nur die Nachfahren des ursprünglichen Sangha, entweder Greenhorns oder Faule und Träge. Der Dhamma verfügbar? Ja, vielleicht, aber nur in Übersetzungen. Und inmitten dieser Zweieinhalbtausendjahre alten Hinterlassenschaft auch noch ich! Und du!

Um es kurz zu machen: Diese soeben erwähnte Lücke konnte und kann nur durch etwas Unvollkommenes gefüllt werden. Ob wir dieses weniger Vollkommene im Außen als Fahrzeug betrachten und es Hinayana, Mahayana, Vajrayana oder Wissenschaft nennen, ist Geschmacks- oder (nach Schopenhauer) Willenssache. Aus der Sicht des ursprünglichen Buddhismus gibt es keine Weiterentwicklung der Lehre, sondern nur ihren langsamen Niedergang. Wir können dieses Unvollkommene aber auch im Inneren unter die Lupe nehmen und das, was wir finden, als die fünf Hemmungen (Sinnen-Verlangen, Übelwollen, Beharren im Gewohnten, Geistige Unruhe und Daseinssorge, Zweifel) erkennen.

Vielleicht sehen wir dabei dieses Bild oder ein ähnliches: "Ein Lehrer des Dhamma tritt an die Stelle des Buddha. Die Kommentare treten an die Stelle der Sutras. Die nach den vier Stufen der Heiligkeit strebenden Jünger werden, in deutlichem Abstand, von Anwärtern verfolgt, auf deren T-Shirts "Auch ich habe die Buddha-Natur" steht. Am Wegesrand demonstriert eine weitere Gruppe von Anhängern mit Fahnen: "Eingehen (ins Nirvana)? Erst, wenn wir alle Anderen gerettet haben." Was für ein Durcheinander. Aber so ist die Welt. So war sie schon immer. Kein Grund zur Verzweiflung. Der Zweifel ist eine üble Hemmung. Mut zur Lücke!

Die Fülle

Deprimierend? Zu einfach? Hier das Gegenmittel: Ein Lehrer des Dhamma tritt an die Stelle des Buddha, mein Guru. Für mich ist er vollkommen. Die Kommentare machen mir den Sinn der Sutras deutlich. Ich visualisiere den Zufluchtsbaum mit Telo, Naro, Mila, Gampo. Ich mache den Guru-Yoga und nach 100.000 Wiederholungen werde ich selbst zum Guru. Ich rette die Welt und darin alle fühlenden Wesen mit Ausnahme meines unverbesserlichen Nachbarn. Diesem möchte ich lieber eine Ohrfeige verpassen, aber was ist schon der Ton einer klatschenden Hand?

Der Dhammo geht niemals unter. Samanthabadra war schon immer da und erblickt Maitreya in naher Zukunft. Dankbarkeit steigt in mir auf.

Dharma-Tor

Ich habe die Frage fast vergessen: Welche Bedeutung hat die altwürdige Form des Urbuddhismus für uns? Nun, das Dharma-Tor steht im Westen. Hier können wir uns auf den Ursprung besinnen. Der Erhabene hat viele Söhne und Töchter, „aus dem Munde geboren“; die Methoden sind zahlreich. Die fünfundzwanzig Jahrhunderte buddhistischer Geschichte zeichnete beispielsweise Deutschland in einem Jahrhundert nach. Wir haben Frühbuddhismus hier, auch Mahayana und Vajrayana.

Das Dharma-Tor feiert dieses Jahr das fünfzehnte Jubiläum. Nur ein Wimpernschlag der Ewigkeit zwar, trotzdem können wir uns glücklich schätzen, hier einen Ort gefunden zu haben, an dem wir den Dhamma in seiner Tiefe und auch in seiner Breite studieren können. Schaut euch die Bücherregale in der Bibliothek an. Ani Karma Tsultrim versteht es, zwischen den oben geschilderten Extremen der Sicht einen weisen Mittelsteg zu finden, damit jeder Einzelne von uns, mit oder ohne T-Shirt und Fahne, seinen Weg gehen kann. Für uns Haushälter ist es ein unschätzbarer Gewinn, in Ani-la eine ordinierte Lehrerin gefunden zu haben, die mit ganzem Herzen dem Dhamma dient.

Und ich? Bin ich ein Frühbuddhist? Ich formuliere es so: Ein Löffel dieses indischen „Fatalismus“ versüßt den ganzen Espresso meiner modernen Existenz. Oder besser so: Namo Gurube, Namo Buddhaya, Namo Dharmaya, Namo Sanghaya!  

 

Dieser Artikel wurde der Festschrift zum 15-jährigen Bestehen des Dharma-Tor Sangha entnommen; erschienen im März 2014, Copyright: Robert Romanski und Dharma-Tor Stiftung