Aktuelle Entwicklungen im Buddhismus - Einführender Beitrag zu diesem Blog

Die Gefahr der Verweltlichung und andere Erscheinungen des Buddhismus - aktuelle Entwicklungen

Von Ani Karma Tsultrim ---

 

Das, was heutzutage weitläufig unter Buddhismus verstanden wird, scheint sich - neben dem Buddhadharma als Befreiungsweg, den es zu erhalten gilt - außer in verschiedenen Facetten auch in Extremen zu zeigen.

Einerseits ist da die starke Tendenz, den Buddhismus zu verweltlichen und Methoden des Dharma für eine weltliche Ethik, zur Stressreduktion, Achtsamkeit im Alltag, am Arbeitsplatz u.a. umzufunktionieren bzw. auf die weltliche Ebene herunter zu ziehen. Das steht insich im Widerspruch zur eigentlichen Lehre des Buddha, die uns auffordert, unseren unbefriedigenden, leidhaften Zustand durch Arbeit an unseren karmischen Mustern, durch Einsicht und Sichtwechsel zu transformieren und letztendlich zu transzendieren. Und es birgt die große Gefahr der Verflachung und Verbiegung des Buddhadharma, ihn gar zu einem "weltlichen Buddhismus" zu machen und auf die Ebene zu reduzieren, die es ja eben zu transzendieren gilt. Das birgt auch die große Gefahr, dass das Wort "Buddhismus" in der Bevölkerung mehr und mehr mit diesen Tendenzen assoziiert wird und der eigentliche Sinn und Zweck der Dharma-Praxis übersehen wird.

Andererseits begegnen wir nun im Westen auch vermehrt der bunten Kultur asiatischer Traditionen, insbesondere der tibetischen Prägung, die uns in Vielem an die Institution und die religiöse Ausübung des Katholizismus erinnert. Auch dies widerspricht im Grunde der Schlichtheit und Klarheit des Buddhadharma. Rituale und religiöse Symbole haben ihre Berechtigung als Stütze in der Praxis, wenn sie aber zu einem unreflektierten Glauben werden, sind sie nach den Worten des Buddha eine Fessel, die uns bindet und die es zu überwinden gilt.

Es sei auch auf die Überbetonung buddhistischer Philosophien hingewiesen, die einer scholastischen Entwicklung an den indischen Universitäten entsprungen sind. Sie entstammen verschiedenen Sichtweisen und Auslegungen, also einem rationalen, intellektuellen Denken. Wenn wir aber die Lehrreden des Buddha anschauen, erkennen wir die Klarheit seiner Darlegungen und Anweisungen, die uns zur Praxis, zur Einsicht und zum erkennenden Schauen auffordern.

Worauf also kommt es wirklich an, jenseits von Veränderungen, Extremen und Philosophien?

Es ist gut, den Menschen in ihrem hektischen Alltag zu helfen und manche Methoden aus der buddhistischen Meditation sind da durchaus hilfreich. Aber nicht zu vergessen: Wahre Hilfe im Alltag durch innere Balance, Achtsamkeit im eigentlichen Sinn von Sati und innerem Frieden ist ein Sekundäreffekt echter Dharma-Praxis! - Es ist gut, alte Traditionen in ihrem kulturellen Kontext kennen zu lernen und wert zu schätzen. Wir müssen sie aber nicht in dieser Form in unseren Kulturkreis übernehmen. - Wäre es nicht an der Zeit, uns ganz besonders um den Buddhadharma in seiner Essenz zu kümmern, ihn zu erhalten, zu verbreiten, zu praktizieren? Sonst besteht die Gefahr, dass der eigentliche Sinn der Dharma-Praxis durch Verflachung einerseits, äußere Verpackung andererseits und zusätzlich durch eine Rationalisierung in Vergessenheit gerät. Gibt es etwas Wertvolleres, als den Weg zur Befreiung aus dem Leidenskreislauf der Existenzen?

Vielleicht wird es jetzt noch wichtiger als bisher, zwischen "Buddhismus" und "Buddhadharma" zu unterscheiden. Ich sollte sagen: "Ich bin keine Buddhistin, ich bin Dharma-Praktizierende..." oder "Ich bin keine weltliche Budddhistin, sondern praktizierende Buddhistin..."

Und Dharma-Zentren bzw. ihre spirituellen Leiter und Leiterinnen sollten ihre besondere Aufgabe darin sehen, die tiefgründige Befreiungslehre des Buddha zu erhalten, zu übertragen und zu praktizieren. Dazu können durchaus Inhalte und Methoden aus späteren Traditionen studiert und eingebunden werden, als eine "Einheit der Drei Yanas", wenn es umsichtig geschieht... Diesem Thema ist ja die geöffnete Webseite "Dharmawolke" gewidmet.


Copyright: Ani Karma Tsultrim, Juli 2014