Religion, Philosophie, Mystik?

Buddhismus - Religion, Philosophie, Mystik?

Von Ani Karma Tsultrim ---

 

Was unterscheidet die Lehre des Buddha von einer Philosophie?

Der Dharma, die Lehre des Buddha, ist erlebbare Wirklichkeit, sowohl auf der relativen, als auch auf der absoluten, letztendlichen Ebene. Jeder, der die Anweisungen praktiziert, kann diese Wahrheiten in sich selbst erfahren.

Somit ist der Dharma kein von Menschen aufgestelltes philosophisches Gebäude. Er ist kein Dogma und nichts, an das man glauben müsste. Deshalb wird die buddhistische Lehre heute oft als die Wissenschaft vom Geist und seiner Funktionsweise bezeichnet. Das ist durchaus richtig, es darf dabei aber nicht die spirituelle, das heißt religiöse und mystische Dimension übersehen werden.

Nun hat sich im Laufe der letzten 2.000 Jahre auf der Grundlage der ursprünglichen Lehre des Buddha ein philosophischer Überbau entwickelt. Dieser ist auf die historische Entwicklung der verschiedenen Traditionen und Schulen zurückzuführen, die im Laufe der Zeit entstanden sind. Gelehrte unter den Ordinierten und Laien begannen, den Dharma nicht einfach nach den klaren und direkten Anweisungen des Buddha zu praktizieren, sondern die Inhalte zu systematisieren, unterschiedlich auszulegen und philosophische Kommentare dazu zu verfassen. So umfasst das, was heute Buddhismus genannt wird, den Buddhadharma als praxisbezogenen Weg einerseits, eine fast unüberschaubare Kommentarliteratur und sogar ein akademisches Studium andererseits.

Aber: Jeder Lehrer oder Meister, dem es darum geht seine Schüler auf dem Weg zur Befreiung anzuleiten, weist diese darauf hin, dass der Weg nicht durch Anhäufung von Wissen verwirklicht werden kann, sondern nur durch Praxis, das heißt durch Arbeit am Geist. Der Buddhadharma ist in der Essenz keine Philosophie, sondern besteht aus klaren Anweisungen, wie wir uns aus der Verstrickung im Leidenskreislauf lösen können. Dazu hat der Buddha die "Drei Pfeiler des Weges" als Basis gelehrt: Ethik, meditative Konzentration und rechte Sicht, die zu Weisheit, das heißt zur erfahrbaren Erkenntnis von der wahren Wirklichkeit führt. 

Ist der Buddhismus eine Religion oder ist er Mystik?

Auch wenn heutzutage manchmal behauptet wird, dass der Buddhismus keine Religion sei, so hat er doch einen tief religiösen Aspekt. Der eigentliche Sinn der buddhistischen Praxis ist die Befreiung des Geistes über den Tod hinaus. Dazu gibt es viele Methoden der Geistes-Schulung, auch um sich auf den Übergang im Tod vorzubereiten. Leben und Tod werden als Einheit betrachtet. Wenn etwas entsteht, wird es auch wieder vergehen. Was geboren wird, muss sterben. Was niemals geboren wird, kann nicht sterben. Wir sprechen im frühen Buddhismus vom Todlosen oder im Mahayana von der ungeborenen Buddhanatur, dem Buddha in uns - dem Licht im Dunkel allen Leidens. Erleuchtung bedeutet, den Buddha in uns vollkommen zu verwirklichen. Der Weg ist ein spiritueller, religiöser Weg, der uns über uns selbst, unser Ich-und-Mein hinauswachsen lässt.

Manche, die die Lehre des Buddha nicht bis in ihre Tiefe kennen, sagen, der Buddhismus sei eine Mystik. Das ist durchaus bis zu einem gewissen Grad richtig. Auf einer bestimmten Ebene der Praxis kann es zu Einheitserfahrungen kommen. Dies sind mystische Zustände auf einer subtilen Ebene des Bewusstseins. Sie hängen mit den Jhanas, den Vertiefungen zusammen, die aber nicht Befreiung bedeuten. Der Buddha hat diese Erfahrungen transzendiert. Er hat eine höhere Wirklichkeit nicht abgelehnt, aber er ist über alle Konzepte und Vorstellungen davon hinausgegangen. Er lehrte, dass letztendlich Subjekt und Objekt, Ich und Du, Welt und Jenseits nicht vereint werden, sondern dass sie transzendiert werden. Das heißt, die höchste Verwirklichung ist vollkommene Freiheit von jeder Dualität, jeder Vorstellung, auch von einer Einheitserfahrung. Diese kann uns zwar in eine höhere Existenz führen. Erleuchtung aber, wie sie der Buddha selbst erfahren und verwirklicht hat, geht über alle diese Zustände und mystischen Erfahrungen noch hinaus. Das letztendliche Nirvana ist Todlosigkeit, das heißt jenseits von Geburt und Tod, jenseits von Entstehen, Vergehen und Verweilen.

 

Die beiden Teile dieses Beitrags sind im Juni und Juli 2013 auf der Buddhalicht-Homepage erschienen:

https://www.buddhalicht.com/blog/