Verständnis

Die verschiedenen Traditionen

Zurück zur Quelle des Buddhadharma

 

2. Schritt: 

Die verschiedenen Traditionen kennen und schätzen lernen; ihre Inhalte und Methoden mit der Quelle des Buddhadharma verbinden, soweit sie nicht einem kulturellen Einfluss und einem Schamanismus oder einer ursprünglichen Religion des jeweiligen Landes entspringen. 

Rückführung der buddhistischen Praxis auf die Quelle der ursprünglichen Lehre des Buddha

Von Ani Karma Tsultrim

Für eine gesunde Entwicklung und Integration des Buddhadharma im Westen, ist es aus meiner Erfahrung und Sicht von großer Bedeutung, Entwicklungen von Inhalten und Praxis-Methoden späterer buddhistischer Traditionen wieder mit der Quelle der Lehrreden zu verbinden, mehr und mehr von Kommentaren und späteren Auslegungen zu lösen und auf die Essenz des Buddha-Dharma zurück zu führen. Warum?

In den verschiedenen asiatischen Ländern hat sich der Buddhismus jeweils in einer spezifischen Form ausgeprägt und unterscheidet sich dadurch zum Teil sehr von dem, was wir als Buddhadharma oder Lehre des Buddha bezeichnen. Er wurde mit kulturellem Outfit, entsprechenden Ritualen und einer pompösen Klosterkultur versehen, die nichts mehr mit der ursprünglichen schlichten Form zu tun haben. Auch inhaltlich hat sich manches im Laufe der letzten zwei Jahrtausende verändert, indem verschiedene philosophische Schulrichtungen entstanden sind. Der Buddha hat vorhergesagt, dass seine Lehre 500 Jahre nach seinem Tod rein bleiben würde, sich dann langsam verändern und für etwa 1000 Jahre seiner Darlegung ähnlich sein würde. Danach würde sie langsam aber sicher während einer langen Zeitspanne dem Untergang entgegen gehen, da sie vom eigentlichen Zweck und Ziel immer mehr abweichen und durch andere Einflüsse verändert würde. Das können wir heute deutlich sehen, wenn wir die Lehrreden kennen und dann so manche Ausprägungen späterer Traditionen betrachten. Insbesondere sind heutzutage auch gewisse Tendenzen der Verflachung zu beobachten, die mit dem Weg zur Befreiung nicht mehr viel zu tun hab.

Über die vielen Jahrhunderte der Entwicklung hat sich der chinesische Buddhismus mit Elementen des Taoismus vermischt, ihm seine aktuelle Form gegeben und sich von dort auch in anderen ostasiatischen Ländern bis nach Japan verbreitet. In Tibet haben sich Einflüsse der ursprünglichen Religion des Volkes, der Bön-Religion, mit dem im 8. bis 11. Jahrhundert eingeführten indischen Buddhismus vermischt und dem Vajrayana eine entsprechende rituelle Ausprägung gegeben. Da der größte Teil der Lehrreden des Buddha, aufgezeichnet in den frühen Pali- und Sanskrit-Fassungen, nicht mit nach Tibet gebracht wurde, hat der dort überlieferte Buddhismus das Mahayana der stark philosophisch betonten Form der späteren Jahrhunderte (ab dem 2. Jh. n.Chr.) und die seit dem 3. bis 6. Jahrhundert n.Chr. bekannt gewordenen tantrischen Lehren als Grundlage. Und er hat sich über die Jahrhunderte in diesem vom Rest der Welt weitgehend abgeschotteten Land verselbständigt und eine der tibetischen Mentalität und Lebenskultur angepasste besondere Form angenommen. Zum einen war es die Aufgabe der Lamas und Rinpoches, für das "Seelenheil" der Bevölkerung zu sorgen und Streit zwischen den Nomadenstämmen zu schlichten. Zum anderen hat sich neben den in Zurückgezogenheit praktizierenden Yogis ein ausgeprägtes Gelehrtentum an den Kloster-Universitäten entwickelt. Auch wurde die Klostertradition, wie in allen asiatischen Ländern, über die Jahrhunderte sehr hierarchisch, patriarchalisch und institutionell, was wir heute auch vom Westen her beobachten können und um keinen Preis übenehmen sollten und dürfen. Bis heute ist die Ausbildung der Mönche in Asien sehr streng und insbesondere die überaus harte Schulung der sogenannten tibetischen Tulkus alles andere als eine buddhistische und menschenwürdige Art der Erziehung. - Wenn wir diese Dinge, sowie die unheilvolle Verquickung von Buddhismus und Politik im alten Tibet und leider auch heute in andern asiatischen Ländern betrachten, sehen wir, dass es einiges zu Bedenken gibt, was die Übernahme des Buddhismus aus Asien betrifft. Um einen gesunden, praktizierbaren Weg zur Befreiung im Westen authentisch zu integrieren und zu bewahren, ist Offenheit und Ehrlichkeit notwendig und eine große Portion an klarem, konstruktivem Erkennen.

Durch die Entwicklungen und Ausprägungen in Asien unterscheiden sich die Formen des praktizierten Buddhismus in den verschiedenen Traditionen ziemlich stark. Außer in Tibet, sind im restlichen Asien die Lehrreden des Buddha zusammen mit dem Mahayana ganz oder zum größten Teil überliefert worden. Abgesehen von den südlichen asiatischen Ländern, die der Theravada-Tradition, also dem Palikanon und den integrierten Kommentaren folgen, ist vor allem der chinesische Kanon weitgehend vollständig, da der Buddhismus bereits im 1./2. Jahrhundert nach Christus in China angekommen war. Und die Tradition der vollordinierten Nonnen ist im chinesischen Buddhismus ungebrochen bis heute überliefert - als einzige in allen buddhistischen Traditionen. 

Für uns im Westen, wo alle Traditionen aus Asien angekommen sind, ist es nun eine wichtige Aufgabe, die tatsächliche Lehre des Buddha zu Rate zu ziehen, um den Weg, den er gelehrt hat, zu erkennen und praktizieren zu können. Und gleichzeitig haben wir durch die späteren Traditionen wertvolle Methoden an der Hand, die unsere Praxis fördern können und vor allem auch für Menschen im ganz normalen Alltag sehr hilfreich sind.

Für die Entwicklung einer authentischen Linie und Tradition des westlichen Buddhismus sehe ich deshalb als Wichtigstes, Lehren und Methoden der späteren Traditionen an die Quelle des Buddhadharma anzubinden und sie dadurch mit dieser Quelle zu vereinen. Und wir haben jetzt die große Chance, Widersprüche zu erkennen und aufzulösen.

Auf den Unterseiten zu dieser Seite findet der interessierte Leser dazu Beispiele, die nach und nach ergänzt werden sollen. All das kann und soll aber keine Vollständigkeit haben, es ist vielmehr eine Anregung für ernsthaft Praktizierende und für Dharma-Lehrer, sich damit auseinander zu setzen und zu dieser Entwicklung beizutragen.

 

Bibliothek 

Die hier aufgelistete Literatur ist eine Auswahl der Werke von renommierten Autoren, die aus ihrer klaren Sicht und Erfahrung des Dhamma/Dharma konstruktive Ansätze liefern. Sie möge zur Anregung für die Entwicklung des Buddhismus im Westen dienen.

Dominique Side: Buddhismus - Ein Grundlagenwerk für Lehrende, Lernende und Interessierte

Anil Gunawardene: Buddhayana - Living Buddhism

Guang Xing: The Concept of the Buddha - Its Evolution from Early Buddhism to the Trikaya Theory

Alfred Weil: Buddhismus - Schritte in die Zukunft

Bhikkhu Bodhi: Wege in die Zukunft

Marcel Geisser: Die Buddhas der Zukunft

Chögyam Trungpa: Spirituellen Materialismus durchschneiden

Tenzin Palmo: Lebendige Lehren für unsere Zeit

Dagyab Kyabgön Rinpoche: Tibetischer Buddhismus im Westen

Rigzin Dorje: Dangerous Friend - The Teacher-Student Relationship in Vajrayana Buddhism